Zwischen me-time, Selbstoptimierung und der Frage, wann aus Selbstfürsorge purer Egoismus wird.
Meditieren. Jounaling. Dankbarkeit praktizieren. Grenzen setzen. Positiv denken. Den inneren Kritiker umarmen. Und bitte jeden Morgen fünf Affirmationen vor dem Spiegel üben. Online-Kurs da, Webinar dort, Buch hier. Und am liebsten: alles gratis.
Puh. Kennst du auch? 😅
Früher mussten wir einfach nur funktionieren. Heute sollen wir dabei auch noch achtsam, ausgeglichen, selbstbewusst und selbstverständlich voller Selbstliebe sein. Aber bitte nicht egoistisch.
Sag mal, wann ist denn "Glücklichsein" zur Leistung geworden?
Selbstliebe ist kein Dauergrinsen.
Wer sich selbst liebt ist nicht automatisch jeden Tag glücklich. Man darf genervt sein. Eifersüchtig. Unsicher. Man darf Fehler machen, "schlechte" Entscheidungen treffen und sich gelegentlich selbst ziemlich auf die Nerven gehen. Man darf menschlich sein. Authentisch. Echt. Mit allem was dazugehört. Und die Bewertung ob das gut oder schlecht ist - die geben wir immer selbst. Spirituelle Thesen sagen: alles ist. Es ist - weder gut noch schlecht. Es ist.
Selbstliebe bedeutet nicht, alles an sich großartig zu finden.
Für mein Verständnis bedeutet es vielmehr, sich auch dann mit Respekt, Liebe und Mitgefühl zu begegnen, wenn gearde nicht alles großartig läuft. Und dafür braucht es weder ein perfektes Morgenritual noch ein neues Journal.
Aber ist Selbstliebe nicht egoistisch?
Hier wird es interessant, wie ich finde. Denn zwischen Selbstliebe und Egoismus liegt ein entscheidender Unterschied:
Selbstliebe sagt: "Ich bin wichtig."
Egoismus sagt: "Ich bin wichtiger als du."
Wer gut für sich sorgt, darf Nein sagen, eigene Bedürfnisse ernst nehmen und Grenzen setzen. Problematisch wird es für mich erst dann, wenn die eigenen Bedürfnisse grundsätzlich immer über denen aller anderen stehen.
Wenn jedes unangenehme Gespräch als "negative Energie" abgetan wird. Wenn Kritik grundsätzlich als Angriff gilt. Oder wenn "Ich muss auf mich schauen" zur Dauerbegründung wird, um keine Verantwortung mehr für das eigene Verhalten zu übernehmen.
Nicht jede Grenze ist egoistisch. Aber auch nicht jedes rücksichtslose Verhalten ist gesunde Abgrenzung.
Wann wird Selbstliebe "ungesund"?
Selbsliebe selbst ist keine Krankheit. Aber die Art, wie wir sie verstehen und praktizieren, kann manchmal problematisch werden.
Zum Beispiel, wenn Selbstfürsorge zum Zwang wird. Wenn wir uns schlecht fühlen, weil wir unsere Morgenroutine nicht geschafft haben. Wenn wir ständig an uns arbeiten, weil wir glauben, noch nicht gut genug zu sein. Doch wann sind wir gut genug? Haben wir das jemals wirklich gelernt? Wer setzt überhaupt das Maß fest? Spoiler & Vorsicht Trigger: Du! Deine inneren Programme. Antreiber. Anteile. Alles in dir. Das was du über so viele Jahre gelernt und praktiziert hast - bewusst oder unbewusst.
Und wann ist es tatsächlich Egoismus? Wenn wir anfangen uns für so wichtig zu halten, dass für andere Menschen und deren Ansichten und Leben kaum noch Platz bleibt. Spätestens dann lohnt sich die Frage: Tut mir das gerade wirklich noch gut? Oder versuche ich nur, einem neuen Ideal zu entsprechen? Was ist denn wirklich das Ideal, das ich leben möchte und wie behalte ich dabei auch den Blick für mein Gegenüber?
Vielleicht reicht es aber auch manchmal, einfach Mensch zu sein.
Mit guten und schlechten Tagen. Mit Stärken, Schwächen und gelegentlich ziemlich fragwürdigen Entscheidungen. Wir müssen nicht jede Emotion wegatmen, jedes Problem wegmeditieren oder aus jeder Krise eine persönliche Wachstumschance machen. Aber wir dürfen hinschauen - Schritt für Schritt - warum wir machen was wir machen und ob wir das weiterhin so machen wollen. Wenn die Antwort "Nein" ist, dann lohnt sich der Weg zum Coaching.
Und manchmal ... dürfen wir einfach traurig sein. Oder wütend. Oder einen richtig beschissenen Tag haben. Ohne sofort an uns arbeiten zu müssen.
Vielleicht beginnt echte Selbstliebe genau dort, wo wir aufhören, uns ständig optimieren zu wollen. Wir sind schon gut so wie wir sind. Alleine, dass wir drüber nachdenken, ist bereits der erste wichtige Schritt. Und vielleicht gehört es auch zu Selbstliebe, andere Menschen genauso unperfekt sein zu lassen, wie uns selbst. "Was dich trifft, betrifft dich" - schon mal gehört? Ja, wir alle sind unperfekt und hier um das Leben zu erfahren - mit allen Höhen und Tiefen.
♡ Zum Weiterdenken
Wann hast du zuletzt etwas nur deshalb getan, weil es dir wirklich gut tat - ohne dabei den Blick für dein Gegenüber zu verlieren? Was war das? Wie hast du das gemacht? Wie könntest du das öfter machen?
♡ Lesetipp: Selbstmitgefühl statt Selbstoptimierung
Wer sich mit dem Unterschied zwischen Selbstliebe, Selbstwert und Selbstkritik näher beschäftigen möchte, findet im Buch "Selbstmitgefühl" von Kristin Neff interessante Denkanstöße. Besonders spannend finde ich den Ansatz, dass wir nicht erst besser werden müssen, um freundlicher mit uns selbst umgehen zu dürfen.
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